Eine Frau in Berlin – Projekt 52 Bücher

3. Woche

Diese Woche hat das Fellmonsterchen ein sehr schwieriges Motto gewählt, wie ich finde:
„Deutsche Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg“

Die Zeit des Krieges und die Zeit direkt danach ist etwas, was ich mir immer nur sehr schwer, nein  eigentlich gar nicht vorstellen kann. Obwohl ich viel aus dieser Zeit gehört habe von Menschen, die selbst, wie man so sagt, „Zeitzeugen“ waren. Zeitzeugen ist übrigens wie ich finde ein ziemlich blödes Wort. Es klingt irgendwie sehr passiv, als hätte jemand nur am Rande gestanden und  „zugeschaut“. Und das trifft es eigentlich nicht.
Zumindest die Menschen, die mir etwas erzählt haben, waren mittendrin. Meine Oma zum Beispiel, die mit meinem Vater an der Hand und meinem Onkel auf dem Arm während der Bombardierung aus Dresden geflüchtet ist – ganz allein – und beim Laufen gar nicht merkte, dass sie teilweise in Flammen stand.  Mein Vater kann sich daran nicht mehr erinnern, allerdings an die Zeit danach, in denen seine Mutter mit ihm und seinem Bruder oft abends am Fenster stand, den Mond anblickte und sagte „Schaut mal, der Mond leuchtet vielleicht dem Papa heim“.  Leider erfüllte sich dieser Wunsch nicht.

Das Buch für dieses Motto hatte ich sofort vor Augen und ich habe es auch relativ schnell wieder gefunden, obwohl es schon 6,5 Jahre her ist, dass ich es gelesen habe. Es passt insofern nicht hundertprozentig zum Motto, weil es die Zeit vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 – also nicht ausschließlich die Nachkriegszeit – behandelt.

Es sind die Aufzeichnungen einer Frau, die ebenfalls mittendrin war, und die in ihren Tagebuchaufzeichnungen festgehalten hat, was ihr in dieser Zeit in Berlin widerfahren ist.

Selten hat mich ein Buch so mitgenommen, wie dieses.  Ich habe es im Frühjahr 2005 gelesen, auf einer Liege im Garten am Teich. Es war sehr warm, schon richtig sommerlich. Ich kann mich deshalb so gut daran erinnern, weil sich innerlich bei dieser Lektüre alles eben genau anders anfühlte: Kalt!

Es ist kein schönes Buch. Und es hat auch kein Happy-End. Aber ich bin froh, dass ich es gelesen habe.  Es ist eigentlich eine ziemlich nüchterne Beschreibung. Vielleicht ist es gerade das, was es so gruselig macht (Das Wort gruselig ist auch nicht richtig passend, aber mir fällt gerade kein besseres ein).  Mir hat es die Augen geöffnet für einen weiteren Bereich der Abgründe eines Krieges, der mir zwar schon irgendwie bewusst war, den ich aber erst nach dieser persönlichen Schilderung verstanden habe. „Verstanden“ im Sinne von „nicht nur im Kopf“ sondern auch und vor allem im Bauch kapiert.  Es geht dabei nicht nur darum, irgendwie mit Verzweiflung und Not klarzukommen und mit geringstmöglicher Schädigung an Körper und Seele zu überleben, sondern auch darum, wie Situationen die Menschen verändern, und wie die Zurückgekehrten mit den Zurückgebliebenen und deren Veränderungen umgehen – oder eben auch nicht.

Die Autorin hatte nach der ersten Veröffentlichung im Jahr 1959 unsägliche Anfeindungen zu ertragen und hat deshalb nicht nur jede weitere Veröffentlichung bis zu ihrem Tod untersagt, sondern auch die Nennung ihres Namens in der Zeit danach abgelehnt. Im Zuge von Recherchen zwecks Nachweis der Authentizität der Aufzeichnungen ist ihr Name später bekannt geworden.

Kommentare

  1. Das Buch habe ich auch schon länger auf der Liste, es kostet mich allerdings immer Überwindung, solche traurigen Bücher zu lesen.
    So geht es mir auch mit Erlebnisberichten z. B. von KZ-Häftlingen. Sachbücher über die NS-Zeit habe ich einige gelesen, die Fakten an sich sind schon erschütternd genug, aber als Sachbuch trotzdem mit einer gewissen Distanz zu lesen und zu ertragen. Persönliche Erlebnisse gehen mir da noch ganz anders unter die Haut. Aber gerade das muss auch mal sein, um die Erschütterungen wirklich zu begreifen. Nur könnte ich nicht alle paar Wochen solche persönlichen Berichte lesen.

    • Ja, das stimmt wohl. Zwischen solchen Berichten braucht es Abstand. Ich habe nach diesem Buch damals auch nicht gleich etwas anderes lesen können. Es musste noch ein wenig nachhallen und hat einigen Raum beansprucht, selbst als es schon ausgelesen war.

  2. Ein sehr dunkles Buch, ich erinnere mich an Inhalte (Auszüge) und die Thematik, obwohl ich es nicht komplett gelesen habe. Aber es wurde ja viel darüber berichtet. Und ich denke, mit dem Satz: Es geht dabei nicht nur darum, irgendwie mit Verzweiflung und Not klarzukommen und mit geringstmöglicher Schädigung an Körper und Seele zu überleben, sondern auch darum, wie Situationen die Menschen verändern, und wie die Zurückgekehrten mit den Zurückgebliebenen und deren Veränderungen umgehen – oder eben auch nicht , dürftest Du dieses Buch inhaltlich perfekt auf den Punkt gebracht haben.

  3. Ich gebe zu, dass ich zum einen interessiert bin, von dieser Zeit zu lesen, zum anderen schiebe ich diese Art Lektüre vormir her. Ich erinnere mich an Erzählungen meiner Mutter, die im heutigen Polen geboren wurde und zum Ende des Krieges zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester (und vielen anderen) vor der russischen Armee flüchtete – nicht gut, nicht schön, besonders nicht für junge Frauen von noch nicht 20 Jahren bzw. nur knapp älter …

    btw. meine wortbestätigung war gerade silke

    • Herzlich Willkommen, Natira!
      Ich bin immer unendlich dankbar dafür, solche Zeiten nicht selbst erleben zu müssen. Darüber etwas zu wissen ist aber wichtig, wie ich finde. Und sei es nur, damit man zu schätzen weiß, was man hat und wie man lebt. Viele vermeintlich riesengroße Probleme werden dann plötzlich deutlich kleiner.

      Für die Wortbestätigungen ist übrigens der Hausmeister DJ verantwortlich.

  4. Das ist sicherlich ein interessantes Buch vor allem wenn man bedenkt, wie viele Zeitzeugen noch heute mit der Aufarbeitung beschäftigt sind.
    Mir fallen da meine beiden Großväter ein.
    Der eine wurde mit 16 noch als Soldat ach Bayern geschickt, der ist dann die 600Km nach Ende des Krieges mit einem Kumpel, aus dem Nachbarort nach Hause gelaufen, musste 2 Wochen später mit seiner Mutter,Tante und seinem 13 Jährigen Bruder das Sudetenland verlassen.
    Der andere wurde als 15 jähriger als Flackhelfer ins Rheinland geschickt und musste als 15 jähriger 4 Tage in einem US Gefangenenlager in den Rheinwiesen zubringen, bis man ihn und andere Minderjährige aussortiert hatte zur Freilassung.
    Wenn man sich mit solchen Problemen konfrontiert sieht, wird vieles andere , das Leuten Kopfzerbrechen bereitet einfach und trivial.

    • Ja, das stimmt. Und was gäbe es da für Geschichten zu erzählen. Allerdings reden viele auch nicht gerne über diese Zeit. Und irgendwann ist niemand mehr da, der erzählen kann. Ich habe es immer sehr bedauert, dass ich meine Oma und meine Uroma nicht viel mehr gefragt habe. Meine Oma, von der ich oben geschrieben habe, hat zwar ab und zu mal diese Fluchtgeschichte erzählt und die Stunden in den Kellern beschrieben, wenn man wegen Bombenalarm im Dunkeln wartete. Aber sonst lebte sie auch immer eher in der Gegenwart und schaute wenig zurück.

Sitz! und gib Laut:

Bitte frei Schnauze - keine Pfote vor die selbige nehmen!

Rechtschreibfähler werden hier freundlich icknoriert und wechgewedelt!

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